Wenn KI den Lernprozess ersetzt

KI, Studium und die verlorenen Grundlagen

Künstliche Intelligenz verändert das Studium schneller, als Hochschulen und Gesellschaft darauf reagieren. Der Zukunftsforscher Herr Maas zeichnet im Gespräch ein ernüchterndes Bild: Nicht die Technologie selbst ist das Problem, sondern ihr unreflektierter Einsatz – und ein Bildungssystem, das grundlegende Kompetenzen zunehmend vernachlässigt.

Wenn KI den Lernprozess ersetzt

KI-Tools wie ChatGPT haben im Studium längst Einzug gehalten. Dokumente werden hochgeladen, Zusammenfassungen generiert, Texte erstellt – häufig ohne tiefere Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Nach Maas’ Einschätzung im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) nutzen heute nahezu alle Studierenden KI, oft ohne zu verstehen, wie diese Systeme funktionieren oder welche Grenzen sie haben. Das Resultat ist eine Oberflächenkompetenz, die echtes Lernen ersetzt: Wer sich Wissen nicht selbst erarbeitet, kann es auch nicht transferieren.


Besonders problematisch ist dabei die wachsende Copy-and-Paste-Mentalität. Eigenständiges Denken, das „Um-die-Ecke-Denken“, werde kaum noch trainiert. Studierende lesen teilweise weder Bücher noch Skripte, sondern delegieren den Lernprozess an Sprachmodelle. Das habe messbare Folgen: Studien zeigen eine geringere Synapsenbildung bei intensiver KI-Nutzung – ein Alarmsignal für jede wissensbasierte Gesellschaft.


Fundamentale Fähigkeiten gehen verloren


Die Auswirkungen zeigen sich bereits in der Arbeitswelt. Maas beobachtet, dass vielen Hochschulabsolventen grundlegende Fähigkeiten fehlen: Probleme eigenständig zu analysieren, Wissen auf neue Situationen zu übertragen oder sich realistisch einzuschätzen. Gleichzeitig bestehe eine deutliche Selbstüberschätzung beim Berufseinstieg. Ein Studium, so Maas, verliere seinen Kern, wenn es nicht mehr zur Persönlichkeits- und Kompetenzbildung beiträgt.

Überakademisierung

Maas kritisiert auch die gesellschaftliche Fixierung auf den akademischen Bildungsweg. Das Studium gilt vielerorts als einzig legitimer Weg nach oben, während das Handwerk systematisch abgewertet wird. Diese Haltung werde früh vermittelt – oft durch akademisch geprägte Elternhäuser, die den Bildungsweg ihrer Kinder stark steuern. Überbehütung, geringe Frustrationstoleranz und mangelnde Resilienz seien die Folge.

Eltern greifen heute nicht nur in schulische Entscheidungen ein, sondern begleiten Bewerbungsprozesse und verzögern die Ablösung ihrer Kinder. Junge Menschen erhalten so immer weniger Raum, eigene Kompetenzen zu entwickeln – ein Problem, das weder durch KI noch durch zusätzliche Abschlüsse gelöst werden kann.


Gleichzeitig gewinnen andere Fähigkeiten an Bedeutung: Kommunikationsstärke, Teamfähigkeit, kritisches Denken, Selbstorganisation und ein souveräner Umgang mit KI. Unternehmen schauen künftig weniger auf Titel als auf reale Kompetenzen. In diesem Kontext erlebt das Handwerk eine Renaissance: frühe Selbstständigkeit, sichtbare Arbeitsergebnisse, Jobsicherheit und oft höhere Zufriedenheit als in vielen akademischen Bürotätigkeiten.


Medien, Illusionen und Arbeitswelt

Nicht zuletzt tragen Medien und soziale Netzwerke zu verzerrten Erwartungen bei. Influencer vermitteln ein Bild von Arbeit als Belastung und Freizeit als Idealzustand. Diese Narrative prägen junge Menschen nachhaltig und führen zu geringer Bindung an Arbeitgebern sowie unrealistischen Vorstellungen vom Berufsleben.

KI wird zwar Aufgaben ersetzen, aber keine ganzen Berufe. Sie macht vielmehr sichtbar, welche Tätigkeiten sinnvoll sind – und welche nicht. Viele administrative Routinen, die heute noch Menschen beschäftigen, könnten automatisiert werden. Das eröffnet Chancen, Ressourcen sinnvoller einzusetzen, verlangt aber auch ein ehrliches Umdenken in Bildung und Verwaltung.

Fazit

Das Interview macht deutlich: Die Herausforderung liegt nicht in der KI, sondern im Umgang mit ihr. Ein Studium ohne Anspruch, ohne Leistungsorientierung und ohne kritische Auseinandersetzung verliert seinen Wert. Notwendig ist ein Bildungssystem, das wieder auf fundamentale Fähigkeiten, Eigenverantwortung und echte Kompetenzentwicklung setzt – unabhängig davon, ob der Weg über Hochschule oder Handwerk führt.

Text: publicon Journal
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